Geburtsvorbereitung mit Selbsthypnose

12.11.2015
Kategorie: Rund ums Baby

oder Wie man mit der Kraft der Gedanken eine Geburt beeinflussen kann

Die Vorstellung, ein Kind zu gebären, löst bei vielen Frauen Angst aus. Was passiert, wenn sich das Baby nicht in Richtung Geburtskanal dreht oder der Kopf steckenbleibt? Wie groß ist der mit einer Geburt verbundene Schmerz? Was, wenn es einen im wahrsten Sinne des Wortes innerlich zerreißt? Die Ohnmacht darüber, diesen Fragen unbeantwortet und seinem Körper völlig ausgeliefert zu sein, ruft schon im Vorfeld Panik hervor.

Ein Ausweg aus der mentalen Falle: die Selbsthypnose. Der Begriff Hypnose wird oft mit der Showhypnose in Verbindung gebracht, bei dem das Unterbewusstsein scheinbar der Macht und dem Willen einer anderen Person schutzlos unterliegt. Mal angenommen, dieses Vorurteil könnte durch einen Weg widerlegt werden, der einen Trancezustand herbeiführt, bei dem Selbstkontrolle das Ziel ist. Wäre Hypnose dann der Schlüssel zur Lösung all unserer persönlichen Probleme? Eine Methode zur gezielten Bewältigung unserer Ängste mit nachhaltiger positiver Wirkung auf Körper und Seele?

Christine Friedrichs ist gelernte Sozialpädagogin und Psychotherapeutin und hat sich mit dem Thema Selbsthypnose intensiv auseinandergesetzt. In ihrer Praxis in Miesbach nutzt sie diese Methode, um neue Wahrnehmungsdimensionen zu schaffen. Insbesondere Frauen, die eine erträgliche Geburt erleben möchten, lernen bei ihr, mit Hilfe verschiedener Techniken das eigene Unterbewusstsein neu zu programmieren und eine negative Empfindung als vertretbar und angenehm zu definieren. Schritt für Schritt macht sie die Frauen mit den Möglichkeiten der Selbsthypnose vertraut, damit diese mit Ängsten und Beschwerden während Schwangerschaft und Geburt besser umgehen und positiv beeinflussen können.

Sich selbst in eine Wohlfühltrance zu bringen und parallel dazu den Körper zu kontrollieren ist ohne Begleitung eines Therapeuten mit vielen Barrieren behaftet. Sein Innerstes zu erreichen, die eigenen Wünsche und Vorstellungen zu erforschen und Veränderungen vorzunehmen, bedarf eines hohen Maßes an Know-how, Offenheit und vor allem an Übung.
 
Hypnose ist eines der ältesten Heilmethoden und mittlerweile ein gut erforschtes Therapieverfahren. In einem vom Wissenschaftlichen Beirat im Jahr 2006 herausgegebenem Gutachten wird Hypnose sogar als lösungsorientierte Behandlungsmethode bei Operationen und Geburten wissenschaftlich anerkannt. Studien zufolge erzielte man mit Hypnose positive Resultate bei der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung, und auch postnatale Depressionen verschwanden durch geistige Entspannung.

Was aber ist nun das Geheimnis von Hypnose?

Angstgedanken und Schmerzen verursachen Stress. Der wiederum bringt unser inneres Gleichgewicht in Aufruhr. Unruhe und Hektik aber blockieren ein klares, lösungsorientiertes Denken, das zur Problembehebung von entscheidender Bedeutung ist. Das Ziel ist also, Ruhe und Gelassenheit zu finden. Schließen wir einmal unsere Augen und blicken tief nach innen können wir eine Welt finden voller Stille und Geborgenheit, Harmonie und Frieden, Klarheit und Sicherheit. Den Weg zu diesem geschützten Raum ebnet die Hypnose. Dies geschieht über einen völlig entspannten Bewusstseins- und Körperzustand. Die Aktivierung unseres Geistes, der - je nach Tiefe der Hypnose - wie eine körpereigene Droge wirken kann, ermöglicht sogar eine Operation ohne Chemie.

Jeder kennt die Situation: Man ist mit dem Zug unterwegs ist und schaut aus dem Fenster. Das monotone Geräusch der Räder auf den Eisenbahnschienen lässt die Gedanken abschweifen und den Blick gläsern werden. Die Gleichmäßigkeit des Klanges beruhigt das Gemüt und macht schläfrig. Für einen Augenblick blendet man das Geschehen drumherum als Nichtgegeben aus. Der Geist entspannt und mit ihm der Körper. In dieser wohltuenden Verfassung gibt es weder einen kontrollierenden Verstand noch Ängste. Die Welt ist schön und grenzenlos. Fast spielerisch entdeckt man ungewöhnliche Lösungen für Sorgen jeglicher Art. Man glaubt, zu träumen, befindet sich aber in Trance.

„Hypnose ist etwas Natürliches. Jeder hat die Fähigkeit, sich selbst zu hypnotisieren“, sagt Christine Friedrichs und beschreibt den Begriff Hypnose ganz einfach: „Wenn es einen zweimal gibt, dann ist man schon in Trance“. Anders ausgedrückt: Hypnose ist die Fähigkeit, sich mit seiner Vorstellungskraft an einen anderen Ort oder in eine andere Situation zu denken.

Beispielsweise in eine bevorstehende Geburt. Christine Friedrichs schafft dafür die notwendigen Voraussetzungen. Sie macht es den Frauen bequem und spricht mit ruhiger, klarer Stimme. In dieser Wohlfühlatmosphäre lenkt und konzentriert sie deren Gedanken und Aufmerksamkeit Wort für Wort auf eine angenehme Sache.  Dieser Vorgang läuft bewusst ab. Hat sich die Atmung verlangsamt und haben sich alle sieben Sinne auf Entspannung eingestellt, coacht sie ihre Patientinnen zur Aktivierung ihrer Vorstellungskraft. Sie nimmt die Angst vor dem Unbekannten, indem sie den Frauen die Entbindung gedanklich vor Augen führt. Die Geburt vorab intensiv zu durchleben, sie aber mit einem neuen Gedankenmuster zu belegen, das ist es, was Christine Friedrichs mit Hypnose bezwecken will. Schmerzen sollen als natürliche Begleiterscheinung eines Vorgangs akzeptiert werden, der nichts anderes ist als eine Kontraktion der Gebärmutter. Der Prozess an sich soll ohne Wertung betrachtet und durch neue, erwünschte Bilder im Kopf ersetzt werden. Das verhilft den Frauen dazu, das Geschehen bewusster wahrzunehmen und selbst zu steuern, um im entscheidenden Moment nicht zu verkrampfen.

Ein hypnotisch eingeleiteter Trancezustand schafft eine positive Grundstimmung in einem Wachbewusstsein, das Raum und Zeit aufhebt, Grenzen überwindet und  neue Perspektiven aufzeigt. Jeder hat seine eigene Methode, diesen Zustand zu erreichen, weil jeder die Sinneseindrücke und Symbole für sich auswählt, die ein wohliges Gefühl versprechen. „Es ist alles erlaubt, was vom Schmerz ablenkt“, sagt Christine Friedrichs. Eine Buchhalterin beispielsweise kann jede Wehe auf Ihr Haben-Konto buchen und mit einem für sie positiven Begriff überschreiben. Eine andere nutzt vielleicht ihre Vorstellungskraft, indem sie ihre Bauchmuskeln zu Förderbändern erklärt, auf denen das Baby sicher und kontrolliert nach außen transportiert wird.

Diese Art des Umgangs mit Schmerz ermöglicht eine schnelle Geburt unter Beibehaltung der körperlichen Vitalität der Mutter. Das Baby wiederum spürt die körperliche Entspanntheit und nimmt automatisch weniger Stresshormone über die Blutbahn auf.

Christine Friedrichs empfiehlt, bereits im sechsten oder siebten Schwangerschaftsmonat mit dem Training zur Selbsthypnose zu beginnen, damit die Technik auch zum richtigen Zeitpunkt erfolgreich angewendet werden kann. Auch Partner und Hebammen sollten über diese Art der Geburtsvorbereitung informiert werden. Das verzögerte Reaktionsvermögen der Frau während des Trancezustandes ist dadurch für alle Beteiligten im entscheidenden Moment einkalkulierbar.

Die Bewältigung von Angst ist der Schlüssel zu Klarheit und Sicherheit. Selbsthypnose öffnet die Tür zum Bewusstsein für die eigenen Ressourcen. Seine Aufmerksamkeit gezielt auf die Welt zu richten, die man sich erträumt, setzt ungeahnte Fähigkeiten frei und ist letztendlich ein Weg zu mehr Lebensfreude, weniger Schmerz, Veränderung und Heilung.

Kein Hokuspokus, sondern ein Prozess, der vorhandene Gedanken, Glaubenssätze und Überzeugungen verändert und bei dem man nur einem Willen unterliegt: dem eigenen.

Wie & Wo Sie lernen, in Trance zu gehen:
Psychotherapeutische Praxis
Christine Friedrichs
Tel: 08025 / 993695

Autoren:
Ivana Lorenz,
Nicole Kleim