Kinderosteopathie - reine Energieverschwendung?

02.09.2015

Mütter wollen gesunde Kinder. Heutzutage führt der erste Weg jedoch nicht zum Hausarzt, sondern zum Osteopathen. Teilweise sogar prophylaktisch. Doch was ist dran an diesem Trend und wie funktioniert Osteopathie überhaupt?

Osteopathie ist eine Therapieform, die mit den Händen durchgeführt wird. Die Hände berühren dabei den Körper des Patienten. Abhängig von der vom Osteopathen erspürten Behandlungsart arbeiten die Hände entweder aktiv oder ruhen auf dem Patienten. Er mobilisiert dessen Selbsheilungskräfte, indem er mit dem Körpergewebe und der darin gebundenen Flüssigkeit arbeitet.

Jedes Organ ist mit sogenannten Faszien (lat. für „Band“) umhüllt. Netzartig verbindet dieses Gewebe alle Körperteile miteinander. Muskeln, Sehnen, Knochen, Gefäße und Nerven werden auf diese Weise zusammengehalten und am richtigen Platz fixiert. Das Fasziengewebe hat die Eigenschaft, sich auszudehnen, ohne zu reißen. Dadurch ermöglicht es den Organen, ihre festgelegte Position bei Bedarf zu verschieben. Eine elementare Voraussetzung für Mutter und Kind in der Schwangerschaft. Denn das Baby braucht im Bauch der Mutter ausreichend Platz. Sämtliche Organe der Mutter werden in der Wachstumsphase zur Seite geschoben. Dank des Fasziengewebes reiben die Organe jedoch nicht aneinander oder quetschen sich gegenseitig. Es hat außerdem die wichtige Eigenschaft, Wasser zu speichern. Und Wasser ist bekanntlich für alle lebenswichtigen Vorgänge und Funktionen im Körper verantwortlich.

Ist das Fasziengewebe nun verklebt oder verhärtet, kann dies zu körperlichen Beschwerden wie Gelenk-, Rücken-, Nacken-, Schulter- oder Bauchschmerzen führen und den Stoffwechsel beeinträchtigen. Verkleben bedeutet, dass die durch die Faszien führenden Lymphgefäße ihre Aktivität aufgrund fehlender Muskeltätigkeit einstellen. Bei einem Lymphstau lagert sich das Glycoprotein Fibrinogen, das normalerweise von der Lymphe transportiert wird, im Gewebe an und wird zu Fibrin umgewandelt. Fibrin ist ein körpereigener Klebstoff, der für das Verschliessen von Wunden zuständig ist. Wenn nun keine Wunde vorhanden ist, verschließt Fibrin stattdessen das umliegende Fasziengewebe. Schmerzen resultieren daher aus verklebten Muskelfasern oder den durch dieses Gewebe führenden zusammengedrückten Nerven. Für verhärtete Faszien ist der geringe Flüssigkeitsanteil in den Faszien verantwortlich. Die Faszien verfilzen und wachsen wie ein Wollknäuel ineinander. Der Weg des Wasser- und somit Nährstofftransports ist blockiert.

Ein Osteopath erspürt diese Blockaden. Mit seinen Händen erkennt er, an welcher Stelle das Gewebe unbeweglich und angespannt ist und versucht es zu befreien. Entweder durch Bewegung (aktiv) oder durch Berührung (passiv). Durch diese von außen zugeführten Impulse ist der Körper in der Lage, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren und die eigene Funktionsstörung aufzuheben.

Häufige Auffälligkeiten bei Kindern wie Haltungs-, Verdauungs-, oder Atemwegsstörungen können mit dieser Methode behandelt werden. Auch bei Babys, deren Geburt nicht optimal verlief durch Sauerstoffmangel oder bei einer falschen Geburtsposition, kann Osteopathie helfen, die im Körper gespeicherten „traumatischen Erlebnisse“ zu lösen. Stress während der Schwangerschaft, ein Unfall oder auch eine plötzlich auftretende seelische Erschütterung übertragen sich eins-zu-eins von der Mutter auf das Kind und können ebenfalls Blockaden verursachen.

Birgit Gerlach, Osteopathin aus Bad Tölz, arbeitet bei Babys und Kleinkindern an diesem emotionalen Bereich. „Mit meinen Händen erspüre ich zuerst den Rhythmus im Körper des Kindes. Genau an der Stelle, an der das Gewebe nicht mehr wellenartig hin und her schwappt, offenbart sich mir die größte Stille und die Mitte des Kindes. Diese Stille ist ein vollkommen gesunder Bereich, der für die Arbeit mit Kindern ausschlaggebend ist.“

Ein Ansatz, der sich erheblich von der Arbeit mit Erwachsenen unterscheidet. „Bei Kindern sucht man nicht nach Störungen, weil sie sich ihrer Vollkommenheit bewusst sind“, erklärt Birgit Gerlach. Allein durch die von außen zugeführten Impulse lernen Babys und Kleinkinder, sich selbst zu regulieren. Dies geschieht allein durch das Auflegen der Hände, ohne dass Druck ausgeübt werden muss. Für den Osteopathen eine vorrangig mentale Arbeit, die höchste Konzentration und volle Aufmerksamkeit erfordert. Die Kinder reagieren darauf unterschiedlich. Manche sind ruhig und entspannt, andere wiederum werden unruhig und schreien.

Mit Erwachsenen arbeitet ein Osteopath hauptsächlich aktiv. Spannungen löst er auch schonmal durch Einrenken. Der gesamte Bewegungsapparat kann mit dieser Methode behandelt werden. Migräne ebenso wie ein Bandscheibenvorfall. Nur bei chronischen Krankheiten gibt es keine Garantie auf vollständige Genesung. Hier kann die Therapieform nur als Unterstützung im Heilungsprozeß dienen.

Schmerzen im Steißbein waren bei Birgit Gerlach nach der Geburt ihres ersten Kindes selbst Grund für den Besuch bei einem Kollegen. Mit Erfolg. Nach drei Behandlungen waren die Schmerzen weg. Eine Erfahrung, die bereits viele Patienten gemacht haben. „Eine Behandlung tut einfach gut“, stellt Birgit Gerlach fest und bestätigt damit den heutigen Trend, einen Osteopathen aufzusuchen.

Auch Hebamme Elisa F. aus Steinheim befürwortet das Diagnose- und Therapiekonzept. „Gerade nach komplizierten Geburten ist Osteopathie sehr effektiv, da Haltungsstörungen und Verdauungsprobleme bei Neugeborenen auf sanfte Art und Weise therapiert werden. Der Körper wird als Funktionseinheit gesehen, der zur Selbstregulierung fähig ist.“

Also scheinbar keine Energieverschwendung, sondern vielmehr eine Methode, die Welle und damit den Heilungsprozess beim Patienten zum Schwingen zu bringen. Oder, wie der amerikanische Arzt und Begründer der heutigen Osteopathie Andrew Taylor Still treffend formulierte, „ …einen Teil des ganzen Systems so anzupassen, dass die Lebensflüsse fliessen und die ausgetrockneten Felder bewässert werden können.“

Autoren:
Nicole Kleim,
Ivana Lorenz