Schneeweiß und Rosenrot

24.09.2015
Kategorie: Rund ums Baby

Es war einmal eine Mutter, die hatte zwei Söhne, Karli und Michi. Sie ähnelten sich so sehr, dass es schwerfiel, beide voneinander zu unterscheiden. Sie waren nämlich aus einem Ei geschlüpft. Karli war nur stiller und sensibler als sein Bruder und verschanzte sich öfter in seinem Zimmer. Michi sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher und fing Schmetterlinge.

Eines Tages, als die Brüder zwei Jahre alt waren, hatten sie eine Idee. Gelangweilt vom Spiel mit Bauklötzen und Autos beschlossen sie, die Mutter nach Eis zu fragen. Enttäuscht mussten sie aber feststellen, dass die Mutter ihnen kein Eis geben wollte. Karli und Michi fürchteten um ihr Wohlbefinden.

„Bitte, erlaube uns etwas Kühles, wir wünschen uns nichts sehnlicher!“, flehten sie ihre Mutter an. Doch die Mutter blieb hart. Den Brüdern wurde es zu arg. Sie schimpften und stampften mit den Füßen. Doch ohne Erfolg. Zum Glück erkannten sie die fehlende Strategie und verwandelten ihren Ärger in einen Plan. Karli, der Stillere, verschwand im Bad und rief nach seiner Mutter.

Die Mutter dachte, dass etwas Schlimmes passiert sei und ging zu ihm. Als sie die Türschwelle betrat, um nach ihrem Sohn zu schauen, nutzte Karli die Gelegenheit, um aus dem Bad zu huschen. Michi hatte inzwischen vor der Tür gewartet, und als die Mutter über die Schwelle trat, schlug er mit seinen beiden Händchen die Türe zu. Die arme Mutter war im Bad gefangen. Sie trommelte mit den Fäusten und befahl ihren Söhnen, aufzumachen. Karli und Michi aber ignorierten die Mutter und verspeisten genüsslich das Eis aus der Kühltruhe. Aus dem Dachfenster hallten unermüdlich Hilferufe.

Der Wind trug die Rufe der Mutter zum geöffneten Zimmerfenster der Schwester von Karli und Michi. Marina erschrak und eilte zum Bad. Sie öffnete die Tür und rettete ihre Mutter.

Das Gesicht der Mutter war vom vielen Rufen rosenrot. Das Kühlfach jedoch war offen und schneeweiß.


Was wie ein Märchen klingt, ist eine wahre Begebenheit. Sie passierte einer Mutter von Zwillingen. Christine Murböck müsste nach eigener Aussage ein Tintenfisch sein, um zwei Unfug treibende Rabauken unter Kontrolle zu halten. „Zwillinge stehen immer im Mittelpunkt. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch, wenn sie nicht gleich auffallen. Und du kannst nicht überall sein. Man rennt entweder dem einen oder dem anderen hinterher. Beides geht nicht. Da ist es am besten, gleich stehen zu bleiben…“

… oder eben im Toilettenhäuschen zu sitzen. (Anmerkung der Redaktion).
 

Autor:
Nicole Kleim