WIR haben geBORN...

10.07.2015

Interview mit der Lenggrieser Hebamme Dina Born über ihr Leben als Geburtshelferin

Dina Born - Hebamme in Lenggries Mit ca. 80-100 Geburten pro Jahr, zweiunddreißigjähriger Praxiserfahrung und einem fünfjährigen Einsatz als Beleghebamme in der Tölzer Asklepios Klinik trägt Dina Born mit ihrem Wissen dazu bei, Frauen sicher durch alle Phasen der Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach zu manövrieren. Sie kennt die Ängste und Sorgen werdender Mütter und bestärkt sie in ihrer Gebärfähigkeit. Wir sprachen mit ihr über die Vor- und Nachteile eines Berufes, der einen zeitlich und körperlich hohen Einsatz fordert.

 

Warum sind Sie Hebamme geworden? Gab es Alternativen?

Born: Für mich gab es damals keine Alternativen. Ich wollte Medizin studieren, war aber in der Schule zu faul. Der Hebammenberuf war für mich die naheliegendste Alternative. Damals gab es nur zwanzig Ausbildungsplätze auf tausend angebotene Stellen. Ich hatte Glück.

Wissen Sie noch, warum man sich für Sie entschieden hatte?

Born: Man fragte mich, welche Bücher ich lese. Ehrlich gesagt, las ich damals überhaupt nicht. Aber ich hatte mit der Frage gerechnet und mir vorab ein Buch als Antwort herausgesucht. Den Titel weiß ich leider nicht mehr.

Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten charakterlichen Eigenschaften, die man als Hebamme haben muss?

Born: Durchhaltevermögen ist das A und O. Die meisten Hebammen üben den Beruf nur fünf bis sechs Jahre aus, weil er ehe- und familienunfreundlich ist. Man rennt vom vollen Kochtopf weg, hat Tag- und Nachtdienst und man braucht schon einen sehr toleranten Mann, um den Einsatz außerhalb der Familie mit dem eigenen Privatleben in Einklang bringen zu können. Vor allen Dingen die Nachtdienste sind körperlich sehr anstrengend. Der Einsatzplan in den Kliniken erleichtert heutzutage vieles. Damals war das nicht so einfach möglich.

Hat Ihre Ehe das überlebt?

Born: Ich war zweimal verheiratet. Der Beruf stand immer zwischen mir, meinem Mann und meinem Kind. Nichtsdestotrotz ist der Beruf der richtige für mich. Mein Lebensglück hängt nicht vom Partner ab.

Wie alt ist ihr Kind?

Born: Ich habe einen dreiunddreißigjährigen Sohn. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich noch ein bis zwei Kinder bekommen. Leider hat es nicht geklappt.

Ihr Privatleben hat durch den Beruf gelitten - und trotzdem gab es nie Zweifel, ihn an den Nagel zu hängen? Was motiviert sie?

Born: Ich bin glücklich, wenn ich eine gute Entbindung hatte, die Frau zufrieden und das Kind gesund ist. Auf Augenhöhe mit der Frau zu sein, eine Symbiose mit ihr einzugehen und das mir entgegengebrachte Vertrauen sinnvoll einzusetzen – das ist für mich Ansporn und Motivation zugleich.

Keine Zweifel?

Born: Sicherlich gibt es Erlebnisse, bei denen ich mich frage: „Warum mache ich das?“ Wenn eine Frau beispielsweise ihr Kind im Bauch nicht mehr spürt, dann ist das Schlimmste für mich, wenn ich ihr mitteilen muss, dass es tot ist. Der entsetzte Gesichtsausdruck, der bleibt als Bild im Kopf.

Was sind die Gründe für eine Totgeburt?

Born: Manchmal ist es einfach nur Pech, ein Nabelschnurknoten oder eine vorzeitige Ablösung der Plazenta. In diesem Fall hat das Kind keine Chance.

In der Antike war es Brauch, dass nur diejenigen Frauen Hebammen werden können, die selbst schon geboren haben, ihres Alters wegen aber selbst nicht mehr schwanger werden konnten. Glauben Sie, dass es für den Job nötig ist, selbst Mutter zu sein?

Born: Nein. Ist es nicht. Ein Frauenarzt hat auch keine Kinder geboren. Es ist insofern hilfreich, die bedingungslose Liebe zu einem Kind zu verstehen. Für sein eigenes Kind lässt man sich ungefragt ein Auge rauspflanzen oder spendet ohne Nachzudenken eine Niere. Ich weiß, dass meine Kolleginnen alle Kinder haben. Frauen ohne werden irgendwann komisch.

Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe?

Born: In erster Linie geht es mir um die Frau. Darum, dass sie nicht traumatisiert aus der Geburt geht. Und natürlich um ein gesundes Kind. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Mütter zu bestärken, dass sie alles richtig machen. Ihnen mit meiner eigenen Stabilität und Ruhe die Angst vor der Geburt zu nehmen. Viele sind unsicher, wenn sie unbekannte Geräusche wahrnehmen – ich bekräftige sie darin, dass alles gut ist. Meine Aufgabe am Wochenbett ist es, Mutter und Kind zusammen zu führen.

Wie machen Sie das?

Born: Indem ich beispielsweise der Mutter grünes Licht gebe, bei zu dünner Muttermilch zuzufüttern, auch wenn sie überzeugte Stillerin ist.

Gab es in Ihrer beruflichen Laufbahn komplizierte Schwangere?

Born: Meine Frauen sind ganz normal und bodenständig. Wenn ich jetzt erdfarbene Gewänder, rote Haare und selbstgestrickte Wollsocken tragen würde, hätte ich bestimmt ein anderes Klientel. Ich bin gar nicht der Typ für Komplikationen. Ich kann gut damit umgehen. Im Laufe der Jahre entwickelt man einen Instinkt für die richtige Entscheidung im Notfall. Die meisten pathologischen Sachen kündigen sich vorher an und sind selten eine totale Überraschung.

Ist die Anzahl der Kaiserschnitte gestiegen?

Born: Die Tendenz steigt. Vor allem in der Stadt gibt es häufig programmierte Geburten. Das ist der Vorteil im Tölzer Krankenhaus. Hier werden die Geburten nicht geplant, sondern die Frau wird solange in Ruhe gelassen, bis die Natur einen „falschen Plan“ hat. Die Situation ähnelt der in einem Geburtshaus.

Befürworten Sie Kaiserschnitte?

Born: Früher gab es schlimme Zangen- und Vakuumgeburten. Um jeden Preis muss eine Frau meiner Meinung nach nicht vaginal entbinden. Meine Aufgabe ist es allerdings, sie über das OP-Risiko aufzuklären.

Im aktuellen Hebammenstreit kämpfen Hebammen um Ausgleichszahlungen von den Krankenkassen für den explosionsartigen Anstieg der Haftpflichtversicherungsbeiträge. Ein Existenzproblem für viele Hebammen. Was sagen Sie zu den steigenden Beiträgen?

Born: Die Beiträge sind jedes Jahr um sechs bis acht Prozent erhöht worden. Inzwischen zahle ich 7.000 Euro im Jahr. Ärzte zahlen 40.000 Euro. Das hängt damit zusammen, dass die Therapiekosten gestiegen sind, wenn ein Kind durch einen Fehler der Hebamme bei der Geburt geschädigt wird. Eine freiberufliche Hebamme kann sich das auf Dauer nicht leisten. Für mich steckt dahinter eher das politische Ziel, alles zentralisieren zu wollen und programmierte Geburten zu standardisieren.

Zitat Sokrates: „Alles was lebt, kommt aus dem, was schon tot ist.“ Wie meint er das? Kann man das auf die Geburt interpretieren?

Born: Weiß nicht. Bin kein Philosoph. Vielleicht meint er die Weitergabe der Gene oder Leben und Sterben gehören zusammen.

Wie wichtig ist die Vor- und Nachsorge?

Born: Früher ging es auch ohne. Heute sind die Entbindungen besser, weil die Frau bei der Vorsorge lernt, Schmerzen anzunehmen und mit ihnen umzugehen. Durch den intensiven Kontakt und die Gespräche mit der Hebamme gibt es kaum noch Dammschnitte. Das ist ein Vorteil. Meine Frauen wollen alle normal entbinden. Die sind tough. Bei der Nachsorge wirkt sich unsere Arbeit beim Stillen aus. Während es früher bei Anfangsschwierigkeiten gleich die Flasche gab, stillen heute achtzig Prozent der Frauen.

Apropos Vorsorge... ist Ihnen schon einmal ein Mann umgekippt?

Born: Ja, ein bis zwei Männer gab es. In letzter Zeit allerdings weniger. Im Augenblick der höchsten Anspannung können sie gar nicht kollabieren.

Sie haben zusätzlich eine Hebammenpraxis in Lenggries eröffnet. Aus welchem Beweggrund heraus?

Born: Die Hebammenpraxis ist meine Altersvorsorge. Ich bin jetzt achtundfünfzig Jahre alt und kein Typ, der mit achtundsechzig den ganzen Tag daheimhockt, Radl fährt und shoppen geht. Ich brauche eine sinnvolle Tätigkeit. Eine, bei der ich meine Leidenschaft für den Beruf weiterhin einbringen kann.

Hat Ihre Erfahrung Sie im Umgang mit den Frauen weise gemacht?

Born: Weise bin ich nicht. Ich muss auf jede Frau neu eingehen. Jede Frau und jeder Vorgang ist einzigartig. Keine Geburt wiederholt sich. Sogar die gleiche Frau macht es verschieden.

Nichts, was gleich ist?

Born: (schmunzelt). Eine Sache hätte ich. Die Standardfragen und Sätze der Mütter sind gleich. Sie beginnen alle gleich: „Ist das normal, wenn....?“ und „WIR haben Durchfall...“ oder „WIR haben gespuckt.“

Und WIR haben jetzt keine Zeit mehr, das Gespräch fortzuführen, weil auch eine Hebamme im Grunde keine hat, und schon wieder auf dem Sprung ist.

Wir bedanken uns bei Dina Born für das interessante Gespräch.

Wer noch wissen will, wie man Babys richtig pflegt, ob der Vollmond Einfluss auf die Geburt hat oder wie die Stimme von Dina Born im persönlichen Gespräch klingt, der findet ihre Kontaktdaten unter www.hebammenpraxis-lenggries.de

Und wer noch mehr über den Menschen Dina Born erfahren möchte, der klickt auf die Seite www.po-enten.de.

Autoren:
Nicole Kleim,
Ivana Lorenz